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Rückblick auf die Exkursion im thüringischen Eichsfeld

Die Region und ihre Wirtschaft zwischen Tradition und Moderne

Das thüringische Eichsfeld mag für viele nicht gerade der Inbegriff zukunftsgewandter Wirtschaftsentwicklung sein. Für die meisten ist diese hügelige und „von fleißigen Menschen“ geprägte Region überhaupt nicht bekannt. Diese katholische Enklave in Nordthüringen ist allerdings den vielen Studierenden und Absolvent:innen des Masterstudiengangs Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung an der HAWK in Göttingen durchaus vertraut. Die räumliche Nähe – da direkt am Dreiländereck mit Hessen und Niedersachsen – und menschliche Nähe – da langjährige Beziehungen zwischen den Professoren und Schlüsselpersonen aus der Eichsfelder Politik und Verwaltung bestehen –machen das Eichsfeld zu einem attraktiven Reallabor, in dem über regionale Entwicklungsperspektiven und historische Pfadabhängigkeiten reflektiert und vor allem gelernt werden kann.

Wer im Studium (oder anderweitig) die außerordentliche Gastfreundschaft der Eichsfelder zum Beispiel beim Besuch im Duderstädter Rathaus oder in der Worbiser Geschäftsstelle des Tourismusverbands genießen durfte, hat sofort bestimmte Bilder (mit Mett und Stracke!) im Kopf. Womöglich sind ebenfalls ein selbstbewusster Ton und eine durchaus stolze regionale Haltung bei diesen Begegnungen in Erinnerung geblieben. „Es ist doch schön hier … bei uns!“. Jedoch lässt die auffällige Häufigkeit dieser leicht bekehrenden Aussagen einen gewissen Behauptungsdrang hindurch tönen. Ob dies dem sozioräumlichen Übergang zwischen dem reformierten und zurückhaltenden bis bescheidenen Norden hin zum extrovertierten Süden geschuldet ist … das ist schwer zu sagen.

Eins ist jedenfalls klar: das Eichsfeld hat Einiges zu bieten. Und die Eichsfelder:innen bieten es sehr gerne und offen an! Somit durfte die erste Gemeinschaftsunternehmung vom Masterstudiengang RMWF und Netzwerk-Regio als gemeinsame Exkursion von Studierenden und Absolvent:innen am 25.05.2022 mit ca. 20 Personen am Bahnhof in Göttingen um 10 Uhr morgens starten. Dank dem Referat für Kreisentwicklung und den Eichsfeldwerken GmbH und in Begleitung von der LEADER-Regionalmanagerin Anne-Marie Born und vom Referatsleiter für Kreisentwicklung Ingo Steinicke, starteten wir mit dem gesponserten Bus in den Tag (herzlichen Dank für das Engagement!). Die verschiedenen Haltepunkte verdeutlichten, dass unvermutete innovative Projekte im thüringischen Eichsfeld durchaus aus dem Mittelstand, der Gastwirtschaft und dem Handwerk „bottom-up“ und eng am Bedarf entstanden sind. Darüber hinaus bleiben aufgrund globaler Krisenereignisse sowie auch spezifischer regionaler Herausforderungen, einige Fragen der wahrgenommenen Standortattraktivität, des Fachkräftemangels und einer progressiven Wirtschaftsentwicklung noch offen.

Inregia®Center in Dingelstädt

Es treffen sich ein Malermeister und ein Produktfotograf im Eichsfeld … Klingt nach einem blöden Witz, wahr? Eigentlich handelt es sich um Eichsfelder Spürsinn für Innovation! Aus der Begegnung ist das Inregia®Center in Dingelstädt entstanden. Ein gemeinschaftlicher Ausstellungs- und Genussraum für Handwerksbetriebe in der Region. Darin lassen sich Kunden inspirieren und beraten oder Azubis werden an einer handwerklichen Berufsausbildung herangeführt.

Burg Scharfenstein

Wusstest du, dass der Whisky aus der Number Nine Spirituosen Manufaktur in Leinefelde/Worbis bzw. direkt aus der denkmalgeschützten Burg Scharfenstein regelmäßig zu den besten Deutschlands gekürt wird? Die meisten von uns Exkursionisten wussten das nicht! Als Ausflugs- und/oder Hochzeitslocation ist die Eichsfelder Burg wahrhaftig märchenhaft. Zudem kann in der beeindruckenden Boutique-Liebe (halte dich fest!) recycelte und in Deutschland hergestellte Brautmode erworben werden. Hochzeit in Sicht? … sucht euch ein Wochenende für den Besuch in Scharfenstein aus und heiratet bei Kleidersuche und Essensprobe gleich zwei Mal!

Hotel, Whiskywelt und nachhaltige Brautmode auf der Burg Scharfenstein

MCI Miritz in Kirchgandern und Leitec in Heilbad Heiligenstadt

Auch High-Tech Unternehmen haben sich für das Eichsfeld als Wirtschaftsstandort entschieden. Wir durften MCI-Miritz in Kirchgandern als Hersteller von Aromen und Geschmacksstoffen aus Citrusfrüchte kennenlernen. Sie stecken in den meist bekannten Erfrischungsgetränken drin und verarbeiten die Schalenreste aus globaler Ernte zu konstant schmeckenden und duftenden Basisstoffe. Schließlich durften wir das Energie-Plus Stammhaus der Firma Leitec direkt in Heilbad Heiligenstadt besuchen und über unterirdische Eisspeicher bis hin zur intelligenten Gebäudesteuerung Insider-Infos erhalten.

Regionale Herausforderungen und Chancen

Nun wurde bei allen Exkursionszielen ziemlich klar, dass diese ländliche Region mit altbekannten Trends zu kämpfen hat. Demographischer und wirtschaftsstruktureller Wandel wirkt sich auf die Unternehmensnachfolge sowie auf die Rekrutierung von Fach- und Führungskräfte aus. Besonders problematisch stellt sich die Besetzung von Ausbildungsplätzen heraus. Solange der Wegzug in die großen Ballungszentren als Erfolg und das Verbleiben in der Heimat als suboptimale Möglichkeit in den Köpfen junger Leute fest verankert bleibt, haben sogar die besuchten innovativen Projekte und Unternehmen nur begrenzte Erfolgschancen, die Mittlerweile den Bedarf nicht mehr decken. An objektiven Kriterien wie Minutenkilometer (Auto ist gemeint!), Kinderbetreuung, Lebenshaltungskosten, Landschaftsattraktivität oder kommunale Infrastruktur lässt sich die Region Eichsfeld als durchaus sehr konkurrenzfähig einstufen. Aber … der Wandel muss in den Köpfen stattfinden und Emotionen scheinen besser als Argumente zu überzeugen. Menschen mit einer Bindung zur Region kehren gerne ins Eichsfled zurück und federn die negativen Effekte des demographischen Wandels ab. In den letzten Jahren wurden verschiedene studien veröffentlicht, die das Eichsfeld mit der bundesweit höchsten Rückkehrerquote hervorhoben (u.a. berichtete das Göttinger Tageblatt).

„Keine:r hat´s geglaubt, aber wir haben´s gebaut!“

Keine:r hat´s geglaubt, aber wir haben´s gebaut!“. Den ganzen Tag begleiteten uns Aussagen und Diskussionen über Gründungsideen und Geschäftsmodelle, die sich früher keine:r hätte vorstellen können. Heute funktionieren Sie weil hartnäckige Visionäre, gemeinsam mit fleißigen Umsetzenden bis zur Realisierung nicht locker gelassen haben. Eine erfrischende und vor allem ermutigende Haltung, die uns angesichts der dunklen Wolken am Horizont unserer heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen den Halt gibt, doch etwas auszuprobieren und bis zum bestmöglichsten Ergebnis durchzuziehen.

Grand Finale: Coworking Eichsfeld

Und genau unter diesem zukunftsgewandten Motto fand unser letzter abendlicher Haltepunkt beim brandneuen Coworking-Space von Elena und Claudio García in Heilbad Heiligenstadt statt. Dort hat der Trägerverein Coworking Eichsfeld e.V. aus der alten Druckerhalle in der Windischen Gasse einen besonderen Ort geschaffen, der zum kreativen Miteinander und konzentriertem Arbeiten einlädt. Im Interview mit den beiden stellten wir fest, dass bei ländlichen Coworking-Spaces vieles von einer engagierten „Community“ abhängt. Angestrebt wird deshalb nur ein sich tragendes aber nicht unbedingt gewinn abwerfendes Modell. Zur Motivation der beiden gehört eine persönliche Bindung zur Region und der entschlossene Wunsch das Potential des Eichsfelds und seiner bisher vielleicht unbemerkten Wissensarbeiter:innen zur Entfaltung zu bringen. Dafür wird eine Arena gebraucht: Ein Ort zum Kennenlernen, zum Herumspinnen, zum Ausprobieren … das und vieles mehr wird langsam aber stetig das Coworking Eichsfeld. Weitere Hintergrund-Infos über die Gründerin und Absolventin des Masters Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung, Elena García, erhältst du im Interview mit ihr hier.

„Vamos despacio, porque vamos lejos!“

Vamos despacio, porque vamos lejos!“ [DE: Wir gehen langsam, weil wir weit kommen wollen!] soll der mexikanische Revolutionär, Emiliano Zapata, vor mehr als einem Jahrzehnt gesagt haben. Neue Wege zu gehen, stellt sich oft als steinige Wanderungen heraus. Dies gilt auch für Wege einer innovativen Wirtschaftsentwicklung – wie die  Teilnehmer:innen der Exkursion im Eichsfeld hautnah erleben konnten.

Es war ein erkenntnisreicher und wunderbarer Tag. Herzlichen Dank an alle an der Organisation beteiligten Personen! Im Netzwerk-Regio freuen wir uns auf die nächste Gelegenheit mit euch zusammen zu kommen. Wann das geht, verrät ein Blick in den Veranstaltungskalender. Bis ganz bald!

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Fachbeiträge

Promotionsarbeit „Resilienz von Dörfern“

Alistair Adam Hernández ist gebürtig von der kanarischen Insel Teneriffa, wo er im Jahr 2009 sein BWL-Diplom Studium beendete, in dessen Kontext er ein ERASMUS-Jahr an der Universität in Göttingen verbracht hatte. Nach seinem Abschluss kam er direkt zurück nach Göttingen, wo er 2012 den Master in Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung beendete, woraufhin ein ERASMUS-Praktika von acht Monaten bei dem Beratungsunternehmen ÖAR in Wien als Projektassistent folgte. In den folgenden Jahren sammelte er außerdem Erfahrungen als Regionalmanager der LEADER-Region Göttinger Land und als Projektleiter eines Forschung- und Entwicklungsprojektes zur ländlichen Elektromobilität im Landkreis Göttingen, bis er 2016 eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe von Prof. Dr. Ulrich Harteisen an der HAWK Fakultät Ressourcenmanagement annahm, um an seiner Promotion zum Thema „Resilienz von Dörfern“ in Kooperation mit der Universität Vechta zu arbeiten. Die Promotion schloss er erfolgreich im Dezember 2020 mit seiner Disputation ab.

Bei unserem Stammtisch am 24. Juni 2021 gewährte er den Teilnehmer*innen nun spannende Einblicke in seine Promotionsarbeit, in der er sich mit der zentralen Frage auseinandersetzen, wieso sich manche Dörfer trotz der großen Herausforderungen in Verbindung mit dem gesellschaftlichem, ökonomischem und ökologischem Wandel positiv entwickeln, während anderen Dörfern die Anpassung an diese Veränderungsprozesse nicht gelingt? Konkret sollte herausgefunden werden, über welche Eigenschaften diese anpassungsfähigen und lebendigen Dörfer verfügen und ob diese andernorts gesteuert und gefördert werden könnten.

Zur Beantwortung dieser Fragen entwickelt er einen interdisziplinären konzeptionellen Rahmen für ein zunächst acht dimensionales Resilienzmodell im System Dorf, indem er multidisziplinäre Resilienz-Forschungen auf ihre Reichweite und den Mehrwert für Dorf- und Landentwicklung analysiert und mit bedeutenden Erkenntnissen aus den Disziplinen Psychologie, Sozialökologie und Gemeinwesenentwicklung zusammenführte.

Zur Überprüfung dieses Modells auf seine Praxistauglichkeit und die anschließende Optimierung, wurde dieses Konzept im Zuge einer Mixed Methods Untersuchung in drei lebendigen Dörfern in der Peripherie des Vereinigten Königreichs, Spaniens und Deutschlands getestet. Hierfür wurden gezielt teilnehmende Beobachter eingesetzt und quantitative und qualitative Befragungen mit Bewohner*innen und Expert*innen sowie Dorfgespräche geführt.

Diese Erprobung des zunächst achtdimensionalen Resilienz-Modells in den zuvor genannten besonders dynamischen Dörfern ermöglichte eine Optimierung des Modells in Bezug auf die Erschließung weiterer praxisnaher Erkenntnisse, zum Beispiel in Bezug auf individuelle Erfahrungen in erfolgreichen Entwicklungsprozessen.

Das Ergebnis ist ein neundimensionales Resilienzmodell, die in die drei Perspektiven „Zukunftsfähige Lösungen“, „Lebendige Beziehungen“ und „Wirkungsvolle Akteure, Strukturen und Prozesse“ eingeordnet werden können. Somit liefert dieses Forschungsprojekt praktische Handlungsempfehlungen zur Erfassung, Steuerung und Förderung von dynamischen und anpassungsfähigen Dörfern, die seit der Disputation bereits diversen deutschen Kommunen zur Umsetzung vorgestellt wurden. Darüber hinaus leisten die praxisnahen Erkenntnisse, dank des internationalen Forschungsansatzes, einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der ländlichen Räume in ganz Europa.

Insgesamt erhielten die Teilnehmer*innen Dank Alistair Adam Hernández, der seit seiner Disputation sowohl als Dozent an der HAWK im Master Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung, als auch für die Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft tätig ist, eine tolle Übersicht über den Forschungsprozess und die gewonnen Ergebnisse seiner Promotionsarbeit. Gleichzeitig vermittelte er den Teilnehmer*innen, wie wichtig es insbesondere im Bereich der nachhaltigen Regionalentwicklung ist, immer wieder über den Tellerrand zu schauen. Sei es durch unterschiedliche berufliche Tätigkeiten, die Förderung von interkulturellen Kompetenzen und weiterer Qualifizierungen oder der Vernetzung mit anderen engagierten Bürger*innen und Expert*innen, wie wir es hier in unserem Verein Netzwerk-Regio pflegen.

Weiterführende Informationen über die Arbeit unseres Vereinsmitglieds Alistair Adam Hernández und seines Promotionsvorhaben findet ihr unter folgenden Links:

ARL Hannover: www.arl-net.de

Ruralvision.eu (Blog von Alistair Adam Hernández): www.ruralvision.eu

Informationen zur publizierten Dissertation als Buch und E-Book: www.oekom.de

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Anmeldungen

Fokus Raum findet online statt – Anmeldungen noch möglich!

Online-Workshop am Fr. 04. September 2020

Was verbindet Corona, New Work
und Stadt-Land Beziehungen?

Hier das Wichtigste in aller Kürze

Hauptthemen zur Diskussion und Erprobung
  • Konkrete Coworking Modelle zwischen Stadt & Land
  • Digitale Methoden (agil, remote, kollaborativ …)
  • Anforderungen an Gestalter*innen (RM, WiFö, …) angesichts neuer Arbeitsmodelle und -räume
Die teilnahme ist kostenlos

Der Verein freut sich über Spenden und sonstge Formen der Unterstützung (werde Mitglied!). Allerdings wird der Workshop ehrenamtlich und auf der Basis der Ressourcen und Erfahrungen der Mitglieder und Teilnehmer*innen durchgeführt.

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Programm herunterzuladen
Die Anmeldung bleibt bis zum 03.09. offen!

Nach deiner Anmeldung mit dem Online-Formular senden wir dir die Zugangsdaten zur ZOOM-Konferenz per E-Mail.

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